KV 22110 ist nach der Beurkundungsgebühr KV 21100 die zweithäufigste Position auf deutschen Notarrechnungen, und gleichzeitig die häufigste Fehlerquelle. Wer KV 22110 versteht und korrekt prüft, deckt einen Großteil der typischen Notarrechnungs-Fehler ab.
Was ist die Vollzugsgebühr (KV 22110)?
KV 22110 ist nach dem Kostenverzeichnis Anlage 1 GNotKG die Vollzugsgebühr: Sie entsteht für die Tätigkeit des Notars, eine Urkunde zu vollziehen, also nach der Beurkundung dafür zu sorgen, dass die Erklärungen ihre vereinbarte rechtliche Wirkung entfalten. Faktor: 0,5 auf die 1,0-Gebühr aus Tabelle B.
„Vollzug" heißt konkret: Einreichung beim Grundbuchamt, Anmeldung beim Handelsregister, Mitteilungen an Banken oder Behörden, Überwachung der Erfüllung von Treuhandauflagen, Einholung von Bescheinigungen, Bezahlung des Treuhandgeldes. Die Vollzugstätigkeit unterscheidet sich wesentlich von der reinen Beurkundungstätigkeit (Verlesen, Belehren, Beurkunden) und wird deshalb mit einer separaten Gebühr vergütet.
Wann fällt KV 22110 an?
Praktisch bei jeder Urkunde, die einen Vollzugsschritt erfordert. Typische Anwendungen:
- Hauskauf: Einreichung der Auflassungserklärung beim Grundbuchamt, Veranlassung der Eigentumsumschreibung.
- Grundschuld: Beantragung der Eintragung beim Grundbuchamt, Übersendung der Vollstreckungsklausel an die Bank.
- GmbH-Gründung: Anmeldung beim Handelsregister, Korrespondenz mit dem Amtsgericht zum Eintrag.
- Erbschein-Antrag: Vollziehung der Antragserklärung beim Nachlassgericht.
- Bauträgervertrag: Treuhandüberwachung der MaBV-Raten (ergänzend zu KV 22113).
KV 22110 fällt nicht an für Tätigkeiten, die mit der Beurkundung selbst untrennbar verbunden sind, etwa Belehrung, Verlesen, einfache Identitätsprüfung. Diese sind durch die Beurkundungsgebühr KV 21100 / 21200 bereits abgegolten.
KV 22110 Faktor: 0,5 (Standard), 0,25 (Sonderfall)
Der reguläre Faktor von KV 22110 ist 0,5. Bei besonders einfachen Vollzügen kann nach Vorbemerkung 2.2.1.1 zu KV 22110 ein reduzierter Faktor von 0,25 angesetzt werden. „Besonders einfach" meint: keine wesentliche eigene Prüfungstätigkeit des Notars, etwa wenn alle Unterlagen bereits vorliegen und der Notar lediglich weiterleitet.
In der Praxis kommt der reduzierte Faktor selten zur Anwendung, weil Notare den Standardfaktor 0,5 ansetzen. Bei sehr kurzen, formalen Vollzügen (z. B. Beglaubigung mit einfacher Weiterleitung) kann es sich lohnen, beim Notar nach dem reduzierten Faktor zu fragen.
Die rechtliche Konstruktion von KV 22110
Wer das Konzept von KV 22110 verstanden hat, kann jede Notarrechnung schneller einschätzen. Im Kern ist die Vollzugsgebühr eine Art zusätzlicher Aufwandspauschale, die der Notar für die Nacharbeit nach der Beurkundung erhält. Während die Beurkundungsgebühr KV 21100 die Tätigkeit „während" der Beurkundung abdeckt (Verlesen, Belehren, Beurkunden), umfasst KV 22110 alles „nach" der Beurkundung: Einreichung, Vollzugskorrespondenz, Überwachung.
Historisch geht die Trennung von Beurkundung und Vollzug zurück auf die Reichskostenordnung von 1936. Das GNotKG hat 2013 die Struktur übernommen, aber die Faktoren auf das heutige Niveau angepasst. Mit dem KostBRÄG 2025 (BGBl. 2025 I Nr. 109, in Kraft 01.06.2025) wurden die Anwendungsfälle nicht grundlegend geändert; die Wertgebühren-Stufen der Tabelle B wurden moderat angehoben (rd. +6 %).
KV 22110 vs. KV 22200 (Betreuungsgebühr): Abgrenzung
KV 22110 (Vollzug) und KV 22200 (Betreuung) regeln verwandte, aber unterschiedliche Tätigkeiten:
| Kriterium | KV 22110 | KV 22200 |
|---|---|---|
| Tätigkeit | Vollzug Urkunde | Über das Übliche hinausgehende Betreuung |
| Faktor | 0,5 (selten 0,25) | 0,5 |
| Typischer Fall | Standard-Hauskauf-Vollzug | Komplexe Treuhandgestaltungen, Konzern-Strukturen |
| Parallelansatz möglich? | Nur bei unterschiedlichen, getrennt dokumentierten Tätigkeiten | |
Für dieselbe Tätigkeit dürfen KV 22110 und KV 22200 nicht parallel berechnet werden. Tauchen beide Positionen für dieselbe Tätigkeit auf, liegt ein klarer Befund vor.
KV 22110 doppelt berechnet: Der häufigste Fehler
KV 22110 zählt nach Fachliteratur (Anwaltsblatt DAV, GNotKG-Kommentierung) und notarieller Praxis zu den häufigsten Fehlerquellen auf Notarrechnungen. Die häufigsten Konstellationen:
- Doppelansatz für identischen Vorgang: KV 22110 erscheint zweimal mit demselben Geschäftswert für denselben Vollzug (z. B. Hauskauf). Eine Position ist überzählig.
- Faktor 1,0 statt 0,5: Notariat berechnet ohne klare Begründung den höheren Faktor. Faktor 1,0 ist für KV 22110 nicht vorgesehen.
- Geschäftswert mit USt-Bestandteilen vermischt: Die Vollzugsgebühr wird auf die Brutto-Position statt auf den Netto-Geschäftswert berechnet.
- KV 22110 trotz reiner Beurkundungsleistung: Bei Notarurkunden ohne tatsächlichen Vollzug (z. B. Vorsorgevollmacht, die der Vollmachtgeber selbst aufbewahrt) wird KV 22110 fälschlich angesetzt.
- KV 22110 zusätzlich zu KV 22113 für denselben Vorgang: Bei Bauträgerverträgen passiert das gelegentlich, ist aber nur in Ausnahmefällen zulässig (verschiedene Treuhand-Tätigkeiten).
KV 22110 ohne Beurkundung möglich?
Theoretisch ja: Wenn der Notar einen ausschließlichen Vollzugsauftrag erhält (z. B. Vollzug einer bereits vorhandenen Urkunde durch einen anderen Notar), kann KV 22110 isoliert anfallen. In der Praxis folgt KV 22110 fast immer einer Beurkundungs- oder Beglaubigungsgebühr.
Wenn auf Ihrer Rechnung KV 22110 ohne zugehörige KV 21xxx oder 25xxx auftaucht, ist eine Nachfrage berechtigt. In den meisten Fällen handelt es sich um einen Verbuchungsfehler.
Beispielrechnungen KV 22110 nach Geschäftswert
| Geschäftswert | 1,0-Gebühr | KV 22110 (Faktor 0,5) | Brutto (inkl. USt 19 %) |
|---|---|---|---|
| 50.000 € | 165 € | 82,50 € | 98,18 € |
| 100.000 € | 273 € | 136,50 € | 162,44 € |
| 250.000 € | 535 € | 267,50 € | 318,33 € |
| 400.000 € | 785 € | 392,50 € | 467,08 € |
| 500.000 € | 935 € | 467,50 € | 556,33 € |
| 750.000 € | 1.335 € | 667,50 € | 794,33 € |
| 1.000.000 € | 1.735 € | 867,50 € | 1.032,33 € |
Hinweis: 1,0-Gebühr aus Anlage 2 GNotKG (Stand 2026). Brutto inklusive 19 % USt nach § 12 UStG, ohne Auslagenpauschale (separate Position KV 32014).
KV 22110 prüfen: 3 Indikatoren
Drei einfache Tests, ob KV 22110 auf Ihrer Notarrechnung korrekt angesetzt ist:
- Faktor-Check: Ist der Faktor 0,5 (oder bei sehr einfachen Vorgängen 0,25)? Faktor 1,0 wäre fast immer ein Fehler, weil KV 22110 zwingend Faktor 0,5 vorsieht.
- Geschäftswert-Check: Stimmt der Geschäftswert mit dem der zugehörigen Beurkundungsgebühr überein (außer bei separaten Vorgängen wie Kauf + Grundschuld)?
- Eindeutigkeits-Check: Wird KV 22110 für denselben Vorgang nur einmal berechnet? Mehrfachansatz erfordert separate Vollzugstatbestände mit unterschiedlichen Geschäftswerten.
Wer alle drei Tests besteht, hat eine korrekte KV-22110-Position auf der Rechnung. Bei Unsicherheit oder Mehrfachansatz lohnt eine schriftliche Prüfung.
Wer zahlt KV 22110? Schuldner und Gesamtschuldnerschaft
Wie alle Notargebühren wird auch KV 22110 grundsätzlich vom Auftraggeber der notariellen Tätigkeit geschuldet. Bei Verträgen mit mehreren Parteien (Käufer/Verkäufer, Schenker/Beschenkter) haften alle Beteiligten gegenüber dem Notar als Gesamtschuldner nach § 29 GNotKG. Im Innenverhältnis wird die Kostentragung durch den Vertrag geregelt.
Beim Hauskauf ist die Vollzugsgebühr nach § 448 Abs. 2 BGB grundsätzlich vom Käufer zu tragen, sofern der Vertrag nichts anderes regelt. Bei der Grundschuld zahlt der Darlehensnehmer (Käufer bei Finanzierung). Bei Übergabeverträgen üblicherweise der Beschenkte / Übernehmer.
Wichtig: Die Gesamtschuldnerschaft bedeutet, dass das Notariat sich an jeden der Beteiligten halten kann. Wer im Innenverhältnis nicht der Schuldner ist, kann den anderen Beteiligten in Regress nehmen, das ist aber eine privatrechtliche Frage zwischen den Parteien.
Beispiel-Befund: KV 22110 doppelt
Hauskauf 380.000 € + Grundschuld 300.000 €
Annahmen: Standard-Hauskauf, Käuferpaar erwirbt EFH für 380.000 €, finanziert mit 300.000 € Grundschuld. Notariat berechnet drei KV-22110-Positionen.
| Position | KV | Faktor | GW | Bewertung |
|---|---|---|---|---|
| Vollzug Kaufvertrag | 22110 | 0,5 | 380.000 € | OK |
| Vollzug Grundschuld | 22110 | 0,5 | 300.000 € | OK |
| Vollzug Kaufvertrag, zusätzlich | 22110 | 0,5 | 380.000 € | Doppelansatz |
Ergebnis: Die dritte Position ist eine Wiederholung der ersten und nicht zulässig. Korrekturbitte: KV 22110 erscheint einmal mit Geschäftswert 380.000 € (Kaufvertrag) und einmal mit Geschäftswert 300.000 € (Grundschuld). Eine dritte Position für denselben Kaufvertrag ist auszunehmen. Befund: rund 462,50 € (netto) zu viel, brutto rund 550 €.
KV 22110 bei verschiedenen Vertragstypen
Die Vollzugsgebühr fällt bei praktisch allen vollziehungspflichtigen Urkunden an, allerdings mit unterschiedlichen Geschäftswerten und unter Umständen unterschiedlichen Faktoren. Hier eine Übersicht der häufigsten Konstellationen:
| Vertragstyp | Geschäftswert | Faktor | Typischer Betrag (netto) |
|---|---|---|---|
| Hauskauf | Kaufpreis | 0,5 | ~270–940 € |
| Grundschuld | Nennbetrag | 0,5 | ~210–770 € |
| GmbH-Gründung | Stammkapital, min. 30.000 € | 0,5 | ~60–110 € |
| Vorsorgevollmacht | ½ Reinvermögen (§ 98) | 0,5 | ~80–520 € |
| Übergabevertrag | nach Nießbrauch-Abzug | 0,5 | ~170–940 € |
| Schenkung | Wert der Zuwendung | 0,5 | ~80–940 € |
Hinweis: Werte abhängig von Tabelle B (Anlage 2 GNotKG i.d.F. KostBRÄG 2025, Stand 01.06.2025), gerundet auf den Euro. Brutto entsprechend zuzüglich 19 % USt.
KV 22110 und USt: Wird die Vollzugsgebühr umsatzbesteuert?
Ja. KV 22110 ist eine Eigenleistung des Notars und damit umsatzsteuerpflichtig nach § 12 UStG. Der Regelsatz von 19 % gilt. Die USt wird zusammen mit den anderen Nettogebühren in einer Zwischensumme dargestellt, dann mit 19 % multipliziert. Wer die Berechnung nachprüfen will: (Nettogebühr KV 22110) × 1,19 = Bruttobetrag inklusive USt.
Achtung: Wenn der Notar KV 22110 fälschlich auf einen Bruttobetrag (etwa den Kaufpreis inklusive Mehrwertsteuer-Anteil) bezogen hat, kann das zu einer überhöhten Vollzugsgebühr führen. In der Praxis selten, aber prüfbar. Der Geschäftswert nach § 47 GNotKG ist beim Hauskauf der vereinbarte Kaufpreis ohne USt (da Grundstücke meist nicht der USt unterliegen).
Wenn KV 22110 falsch ist: 2 Schritte
Stufe 1: Formlose Korrekturbitte ans Notariat mit konkretem Verweis: „Auf Ihrer Kostenberechnung vom [Datum] erscheint KV 22110 zweimal mit identischem Geschäftswert von 380.000 €. Bitte prüfen Sie, ob die Doppelberechnung beabsichtigt ist; gegebenenfalls bitte ich um eine korrigierte Kostenberechnung." Paragrafengenau formulierte Beanstandungen werden in der Praxis häufig ohne weiteres Verfahren korrigiert.
Stufe 2: Bei Ablehnung Antrag auf gerichtliche Entscheidung nach § 127 GNotKG beim Notariat zur Vorlage an das Landgericht. Frist nach § 127 Abs. 2 GNotKG: bis zum Ende des Kalenderjahres, das auf die Zustellung folgt. Mehr zu Korrekturen und Eskalationsstufen unter Notarrechnung-Fehler beheben.
KV 22110 ist eine der typischen Hotspots für Befunde, weil insbesondere bei Hauskauf-Konstellationen mehrere Vollzugsschritte parallel anfallen und die Position leicht doppelt angesetzt wird.
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Häufige Fragen
Was ist KV 22110 GNotKG?
Wann fällt KV 22110 an?
Wie hoch ist die KV 22110 Vollzugsgebühr?
Was ist der Unterschied zur Betreuungsgebühr KV 22200?
Warum wird KV 22110 oft doppelt berechnet?
Kann KV 22110 ohne Beurkundung anfallen?
Kann der Faktor 0,5 reduziert werden?
Wie prüfe ich KV 22110 auf meiner Notarrechnung?
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